Newsletter von Bundeskoordinierung spezialisierter Fachberatungsstellen

Liebe Kolleg*innen, liebe Interessierte,

nach einem Jahr und über drei Monaten im Home Office wagen wir wie viele andere langsam den Weg in einen vorsichtigen Büroalltag. Auch wenn wir viele Kompetenzen neu entwickelt und spannende Projekte vom heimischen Schreibtisch aus angeschoben haben: der persönliche Kontakt hat uns wirklich gefehlt. Entsprechend groß war die Freude, als wir uns bei einem Betriebsausflug im Garten zum ersten Mal nach fast einem Jahr alle zusammen wiedergesehen haben. 

Inhaltlich liegen dichte und spannende Monate hinter uns, in denen wir die Bedarfe von Fachberatungsstellen und Betroffenen an vielen wichtigen Stellen in den Mittelpunkt rücken konnten: beim Besuch des Bundespräsidenten, im Sportausschuss des Bundestages und gegenüber der niedersächsischen Enquetekommission. Darüber und über viele andere spannende Themen berichten wir in diesem Newsletter. Wir wünschen eine interessante Lektüre!
Herzliche Grüße

das Team der BKSF 

Bildnachweis: Edwin Hooper via Unsplash

 

Neues aus der BKSF
„Die Betroffenen in den Mittelpunkt stellen“ – Bundespräsident besucht Betroffene und Fachberatungsstellen

Das hat uns überrascht und gefreut – Anfang April meldete sich das Bundespräsidialamt bei uns mit dem Anliegen, ein Treffen von Menschen mit sexualisierten Gewalterfahrungen mit dem Bundespräsidenten zu ermöglichen. Dafür sei der geschützte Rahmen von Fachberatungsstellen der passende Ort. Nach genauer Abwägung wie genau so ein Treffen aussehen kann, kam es dann am 04.Juni 2021 im Haus von Wildwasser Berlin in Berlin-Wedding zu der Begegnung mit Frank-Walter Steinmeier. Nach zwei Gesprächen mit Betroffenen und ihren jeweiligen Berater*innen setzte sich der Bundespräsident in einem Fachgespräch mit Katrin Schwedes (BKSF), Lukas Weber (HILFE-FÜR-JUNGS Berlin) und Irina Stolz (Wildwasser Berlin) mit der Situation von Fachberatungsstellen und Betroffenen intensiv auseinander. Dabei war die Situation in  ländlichen Regionen ebenso Thema wie die Auswirkungen der Corona-Pandemie und Gewalt mittels digitaler Medien. In jedem Falle wurde klar, welche wichtige Aufgabe Fachberatungsstellen als niedrigschwellige Anlautstellen haben und wie bedeutsam es ist, die richtige Unterstützung auf dem eigenen Weg aus der Gewalt bzw. den Gewaltfolgen zu finden.

Wir freuen uns sehr über diese Würdigung von Menschen mit sexualisierten Gewalterfahrungen und der Arbeit von Fachberatungsstellen. Mehr Infos, auch zu der Presseresonanz, gibt es auf unserer Homepage. Bildnachweis: Bundespresseamt/Steins

Fachberatung und Pandemie: BKSF-„Corona-Studie“ untersucht Auswirkungen auf Fachberatungsstellen

Gemeinsam mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und dem Forschungsinstitut SOFFI F. haben wir im Sommer 2020 eine Befragung von 200 Fachstellen durchgeführt. Wir wollten erfahren, wie die Corona-Krise das Arbeiten in den Einrichungen verändert hat, wie sie auf Betroffene wirkt, die die Beratungsstellen aufsuchen und was es bräuchte, um auch in Zukunft "krisenfest" zu sein.

Eins hat die Befragung deutlich gemacht: die Auswirkungen auf Betroffene und die Arbeit der Beratungsstellen waren enorm spürbar. Erste Ergebnisse und Schlussfolgerungen dieser hochinteressanten Studie stellen wir bereits jetzt auf unserer Homepage vor. Außerdem hat der Deutschlandfunk dazu einen Beitrag gemacht.

Bildnachweis: Glen Cooper via Unsplash

Anhörung zu Gewaltschutz im Sport: BKSF fordert umfassende Maßnahmen zu Schutz und Prävention

Am 05. Mai 2021 hat Katrin Schwedes als Sachverständige im Sportausschuss des Deutschen Bundestags zum Thema „Physische, psychische und sexualisierte Gewalt im Sport“ die wichtigsten Punkte unserer Stellungnahme referiert. In der Stellungnahme sprechen wir uns insbesondere für Präventionsmaßnahmen und Schutzkonzepte in allen Einrichtungen des Leistungs- und Breitensports aus. Außerdem fordern wir die Einrichtung von unabhängige Anlaufstellen, wie sie auch die Organisation Athleten Deutschlands gefordert hatte, und den Ausbau von spezialisierter Fachberatung um Betroffene überall zu erreichen. Auch die Presse hat unsere Darlegungen hier und hier aufgegriffen

In keinem anderen gesellschaftlichen Bereich außerhalb der Schule verbringen Kinder und Jugendliche soviel Zeit wie im Sportverein. Welch massiver Bedarf hier an Schutz und Prävention besteht, haben die diversen Aufdeckungen der letzten Zeit überaus deutlich gemacht. Deshalb haben wir beschlossen, das Thema Sexualisierte Gewalt im Sport zu einem neuen Schwerpunktthema zu machen und mit einer internen Arbeitsgruppe systematisch zu bearbeiten.

Neues Serviceangebot: Digitale Rechtssprechstunde erreicht die Fachpraxis

Seit März 2021 bieten wir mit unserer digitalen Sprechstunde zu Rechtsthemen einen neuen Service für Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend an. Das Angebot richtet sich dabei ausschließlich an Berater*innen. Jeden vierten Freitag im Monat bespricht unsere Rechtsreferentin Dr. Franziska Drohsel mit den Kolleg*innen aus der Fachpraxis anhand von fiktiven Fallbeispielen Situationen, die im Alltag einer Fachberatungsstelle relevant sein können. Mittlerweile haben über 150 Kolleg*innen an den Sprechstunden teilgenommen und sich im kollegialen Austausch gemeinsam zu Rechstthemen wie Verjährungsfristen und SGB VIII fit gemacht. Unsere Themenwahl orientiert sich an den Arbeitsschwerpunkten der BKSF und an den Praxisbedarfen und wird jeden Monat im Rahmen unserer Freitagsmailings an die Fachberatungsstellen kommuniziert.

Dokumentation der Vierten Vollversammlung erschienen

Für uns alle eine sehr spannende Erfahrung: pandemiebedingt fand die letzte Fachstellenvollversammlung dieses Jahr digital statt. Trotz verschiedener kleiner technischer Ruckeleien war es für uns eine sehr positive Erfahrung. Vor allem haben wir uns sehr gefreut, so viele unserer Kolleg*innen aus den Fachberatungsstellen im digitalen Raum wiederzusehen und gemeinsam zu arbeiten. Auch wenn Online-Formate die persönliche Begegnung nicht ersetzen können, gab es auch deutliche Zugewinne. So bot die Veranstaltung auch solchen Kolleg*innen die Möglichkeit zur Teilnahme, die es sonst wegen der langen Anreise nicht geschafft hätten. Neben einem längeren Bericht mit Rücksprache gab es verschiedene Workshops, u.a. zu rechtlichen Themen, Fundraising, Social Media in der Öffentlichkeitsarbeit und Umgang mit Gegenbewegungen zur Arbeit gegen sexualisierte Gewalt (Stichwort: "Missbrauch mit dem Missbrauch).

Nicht zuletzt gingen wir mit einem neugewählten Fachstellenrat aus der Veranstaltung, der uns bis 2023 inhaltlich eng begleiten wird. Natürlich ist die gemeinsame Arbeit schon angelaufen und macht viel Spaß. Noch einmal herzlichen Dank an die Kolleg*innen im Fachstellenrat, die in den beiden Jahren davor mit ihrer fachlichen Expertise unverzichtbare Arbeit geleistet haben. All das und mehr gibt es nun zum Nachlesen in unserem Dokumentationsband. Alle Teilnehmer*innen der VV erhalten ein Druckexemplar per Post.

BKSF-Stellungnahme für die niedersächsische Enquetekommission
Niedersachsen will Maßnahmen zum Schutz vor sexualisierter Gewalt an Kindern systematisch prüfen

In Niedersachsen wurde am 6. Oktober 2020 vom Landtag die Enquetekommission "Verbesserung des Kinderschutzes und zur Verhinderung von Missbrauch und sexueller Gewalt an Kindern" eingesetzt

Vor dem Hintergrund bundesweit bekannt gewordener Fälle von schwerer sexualisierter Gewalt an Kindern soll die Enquetekommission die bisherigen parlamentarischen, praktischen und wissenschaftlichen Ergebnisse zusammenführen, auswerten und damit den Kinderschutz optimieren - für Niedersachsen und beispielhaft für andere.

Was muss sich auf der rechtlichen Ebene ändern, was braucht das Unterstützungssystem um Betroffene angemessen zu versorgen und wo und wie müssen Sensibilisierung und Fortbildung ausgebaut werden? Wir haben verschiedene unserer Positionen in einer schriftlichen Stellungnahme dargelegt und eingereicht. Außerdem wird unsere Referentin Tamara Luding als Sachverständige von der Kommission gehört werden.

Was passiert in Politik und Gesellschaft?
Nationaler Rat schließt seine Arbeit ab - Bundespräsident bezeichnet Kampf gegen sexualisierte Gewalt als "politische und moralische Pflicht" von Staat und Gesellschaft

Im Dezember 2019 konstituierte sich der "Nationale Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen", initiiert durch die damalige Familienministerin Franziska Giffey und den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Johannes-Wilhelm Rörig. Am 30. Juni 2021 fand die Abschlussveranstaltung statt, bei der die gemeinsam erarbeiteten Handlungsempfehlungen auf fast 100 Seiten vorgestellt wurden. Diese fassen die bisherige Arbeit und insbesondere die Empfehlungen zusammen, die in den vier Arbeitsgruppen "Schutz und Hilfe", "Kindgerechte Justiz", "Schutz vor Ausbeutung und internationale Kooperation" und "Forschung und Wissenschaft" erarbeitet wurden. Auch wir haben uns insbesondere in den ersten beiden Arbeitsgruppen intensiv eingebracht.

Zur Vorstellung des Dokuments hielt Bundespräsident Steinmeier eine überraschend klare Rede, in der er den Kampf gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen als "eine moralische und politische Pflicht" bezeichnete. Dabei stünden Staat und Gesellschaft in der Verantwortung. "Es geht darum, Jungen und Mädchen an allen Orten zu schützen und Übergriffe zu verhindern. Es geht darum, Missbrauch da, wo er geschieht, so früh wie möglich aufzudecken und zu beenden. Und es geht darum, den Menschen, die sexuelle Gewalt erlitten haben, zu helfen und ihr Leid anzuerkennen."

Steinmeier meinte außerdem, es gebe immer noch Strukturen, die sexualisierte Gewalt möglich machten und Missbrauch begünstigten. Es gebe sie an vielen Orten – "in kirchlichen und staatlichen Institutionen, in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, in Sportvereinen, Chören und Orchestern". Dazu zählten auch geschlossene Einrichtungen, Männerbünde, intransparente und hierarchische Strukturen sowie falsch verstandene Loyalität, die Taten vertusche, um den Ruf der Institutionen zu schützen. Er hoffe, dass die Handlungsempfehlungen nicht nur in Fachkreisen, sondern in der gesamten Gesellschaft diskutiert würden.

Bildnachweis: Bundesregierung/Stefanie Loos

Der ländliche Raum wird laut: Bundesweite Vernetzung und neues Forderungspapier

Seit langem sind die Versorgungslücken im ländlichen Raum für uns ein großes Thema. Gemeinsam mit unserem "Geschwisterprojekt" Wir vor Ort gegen sexuelle Gewalt und vielen engagierten Fachberatungsstellen setzen wir uns dafür ein, dass es mehr Angebote und eine bessere Versorgung auf dem Land gibt. Am 18.06.21 gab es ein bundesweites Vernetzungstreffen, indem gemeinsam Strategien und Ideen entwickelt wurden, um die Situation von Betroffenen abseits der großen Ballungszentren zu verbessern. Passend dazu haben wir mit dem WvO-Team und dem WvO-Fachbeirat zusammen ein kurzes und prägnantes Thesenpapier herausgebracht, das deutlich macht, was der ländliche Raum braucht.

Bereits im letzten Jahr haben wir in einem gemeinsamen Fachartikel genauer dargelegt, welche Problemlagen auf dem Land bestehen und welche Erkenntnisse das Bundesmodellprojekt Wir vor Ort dazu bereits gewonnen hat.

Projekt FortbildungsnetzSG bündelt qualitativ hochwertige Fortbildungsangebote zu sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend

Fortbildungen und Schutzkonzepte für die verschiedensten Berufsgruppen und Einrichtungen sind ganz wichtige Forderungen, die auch wir immer wieder stark machen. Aber wie finde ich denn eigentlich vor Ort ein fachlich gutes Angebot? Und wie werden andere auf mein Angebot aufmerksam? Eine Antwort darauf bietet das FortbildungsnetzSG, das unsere Trägerin DGfPI e.V. gemeinsam mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung entwickelt hat. Da wir es so wichtig finden, wollen wir noch einmal ganz nachdrücklich darauf hinweisen und dazu einladen, dieses tolle Angebot zu nutzen.

Denn bisher existierte bundesweit keine aktuelle Übersicht über das qualifizierte Fortbildungsangebot zu sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend. Das FortbildungsnetzSG ist als Plattform für Teilnehmer*innen und Fortbildende angelegt. Es ermöglicht eine transparente Übersicht, Vernetzung untereinander und fördert einen Qualitätsdialog über Fortbildungen zu sexualisierter Gewalt.

Außerdem
"Die Auserwählten" thematisiert sexualisierte Gewalt an der Odenwaldschule

Spätestens seit der Aufarbeitung des sogenannten „Kentler-Experiments“ sind die Verstrickungen zwischen Reformpädagogik und pädokriminellen Netzwerken noch einmal verstärkt Thema in der öffentlichen Diskussion geworden. Passend dazu ist in der ARD-Mediathek der Film „Die Auserwählten“ (2014) noch bis zum 09.09.21 zu sehen. Der Spielfilm beruht auf den realen Ereignissen an der Odenwaldschule. Einer Studie von 2019 zufolge erlitten dort zwischen 500 und 900 Schüler*innen sexualisierte Gewalt durch Lehrkräfte und andere Mitarbeiter*innen der Schule.Erzählt wird die fiktive Geschichte der Lehrerin Petra Rust, die Ende der 1970er Jahre in das Kollegium einsteigt. Schnell nach ihrer Ankunft erhält Rust einen Einblick in den Alltag der renommierten reformpädagogischen Vorzeigeeinrichtung. Sie erfährt von der sexualisierten Gewalt gegen Schüler*innen und davon, wie das Netzwerk der Entscheidungsträger*innen die Täter*innen schützt.

Der Film fokussiert insbesondere das Engagement der Figur Frank und anderer ehemaliger Schüler, denen an der Odenwaldschule sexualisierte Gewalt widerfahren ist.

Bereits 1998 hatten zwei Betroffene die Gewalt öffentlich gemacht und die Schule kontaktiert; darauf und auf einen Artikel in der Frankfurter Rundschau im Jahr 1999 gab es jedoch kein wirkliches Echo. Erst 2010, im Rahmen des sogenannten "Missbrauchsskandals" wurde die systematische sexualisierte Gewalt in Institutionen, darunter auch die Odenwaldschule, öffentlich diskutiert und aufgegriffen. Von Betroffenenseite gab es unterschiedliche Reaktionen auf den Film - von Lob bis hin zu heftiger Kritik.

 

BKSF - Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend Uhlandstraße 165/166,
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Fax: 030/88 91 68 65

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