Newsletter von Bundeskoordinierung spezialisierter Fachberatungsstellen

Liebe Kolleg*innen, liebe Interessierte,

der Herbst ist da und das heißt für uns auch: die heiße Phase der Vorbereitung unserer nächsten Fachstellenvollversammlung hat begonnen. Im Jahr 2022 werden wir sie erneut in digitaler Form abhalten - um dann zum Sommerbeginn unseren üblichen Fachtag in Präsenz stattfinden zu lassen. Darauf freuen wir uns schon jetzt!

Zudem ist auf unseren Social Media Kanälen einiges in Bewegung, auch durch die tatkräftige Unterstützung von Pia Biernat, die als Assistenz der Öffentlichkeitsarbeit unser Team ergänzt. Besuchen Sie uns auf Instagram, Twitter oder Facebook - es lohnt sich!

Herzliche Grüße

das Team der BKSF

Neues aus der BKSF
Debattenbeitrag: Warum Kinder keine Tyrannen sind und das System Winterhoff kein Einzelfall

Am 09.08.2021 wurde in der ARD die Reportage Warum Kinder keine Tyrannen sind ausgestrahlt. Darin wurden schwere Vorwürfe gegen den Bonner Kinderpsychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff erhoben: medizinisch nicht haltbare Diagnosen, Dauergaben schwerer Neuroleptika und grenzwertige Untersuchungen an Kindern, die von Winterhoff als "narzisstisch gestört" befunden worden waren. Auch viele Kinder in der stationären Kinder- und Jugendhilfe sind betroffen. Gleichzeitig publizierte Michael Winterhoff medial gefeierte Bücher wie "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" und trat in Talkshows als Experte auf.

Wir haben uns intern mit den Vorfällen und Thesen Winterhoffs intensiv auseinandergesetzt. Uns ist es als Stimme aus dem Anti-Gewalt-Bereich wichtig, dezidiert Stellung zu beziehen. Unseren Debattenbeitrag finden Sie hier.

BKSF-Fachinfo erklärt relevante Änderungen durch das Gesetz zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder

Am 25.03.21 hat der Deutsche Bundestag das Gesetz zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder verabschiedet. Mit dem Gesetzespaket wurde u.a. der Grundtatbestand des "sexuellen Missbrauchs" zum Verbrechen hochgestuft. Das Gleiche gilt für die Beschaffung, Verbreitung und Herstellung von sexualisierten Gewaltdarstellungen. Aber auch an anderen Stellen gibt es einige Neuregelungen. In der entsprechenden Anhörung im Bundestagsausschuss hatten wir für uns für eine Änderung der Begrifflichkeiten "sexueller Missbrauch" und "Kinderpornographie" eingesetzt, leider ohne Erfolg.

Wir haben in unserer neuen Fachinfo die wichtigsten Änderungen in ihrer Bedeutung für die Fachpraxis herausgearbeitet. Unsere Fachinformationen-Reihe richtet sich insbesondere an Fachberatungsstellen, die Betroffene beraten und begleiten. Dieses Mal gibt es auch einen Anhang, mit dem die Änderungen in den Gesetzestexten nachvollzogen werden können

Nächste Vollversammlung wieder digital, Fachtag in Präsenz

Jedes zweite Jahr veranstalten wir am Tag vor unserer alljährlichen Fachstellenvollversammlung einen Fachtag. Dieses Mal haben wir uns aufgrund der unklaren Gesamtlage für ein anderes Modell entschieden. Am letzten Freitag im Januar, also dieses Mal am 28.01.2022 werden wir unsere Vollversammlung erneut als digitales Format veranstalten. Damit fällt auch dieses Jahr leider wieder die persönliche Begegnung aus. Gleichzeitig macht das Format die Möglichkeit auf, sich auch ohne lange Anreise dazuzuschalten.

Um auf das persönliche Treffen nicht ganz zu verzichten, werden wir jedoch unseren üblicherweise an die Vollversammlung angekoppelten Fachtag am 20.06.22 veranstalten, dann in Berlin und in der Hoffnung auf eine weitgehend überstandene Pandemie. Weitere Infos folgen.

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Neue Fachinformationen zur SGB VIII-Reform und zum Kinder- und Jugendmedienschutz

Es hat lange gedauert: zum Juni 2021 trat mit dem Kinder- und Jugendstärkungsgesetz nach mehreren Anläufen und schließlich einem langen Partizipationsprozess die Reform des SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfe) in Kraft. Dabei sind verschiedene Bereiche neu geregelt worden, etwa das Pflegekinderwesen oder die Rechte von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung. In unserer Fachinfo stellen wir die wichtigsten Aspekte der Reform für Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend vor. Sie kann kostenlos über unsere Webseite heruntergeladen werden.

Gegen teils erhebliche Widerstände der Gaming-Industrie ist zum 01.05.2021 das Jugendschutzgesetz novelliert worden. Es gelten nun neue Regelungen für den Kinder- und Jugendmedienschutz, die insbesondere zum Ziel haben, diesen an das digitale Zeitalter anzupassen. Unsere Fachinfo zum Jugendschutzgesetz stellt die wichtigsten Neuerungen vor.

BKSF bundesweit
Landeskoordinierungsstellen gesucht!

Die BKSF setzt sich dafür ein, die Versorgungslage für Menschen, die in Kindheit und Jugend von sexualisierter Gewalt betroffen sind oder waren, über die Bundesebene zu verbessern.

In mehreren Bundesländern haben sich inzwischen auch Landeskoordinierungsstellen gebildet, was wir sehr begrüßen. Diese Stellen unterscheiden sich zum Teil sehr deutlich in der Entstehungsgeschichte, der aktuellen Struktur, der Ausstattung und dem Auftrag. Wir als BKSF sehen es als unsere Aufgabe an, den unterschiedlichen Landeskoordinierungsstellen einen Raum zum gemeinsamen Austausch zu bieten. Gleichzeitig möchten wir uns einen Überblick über die Diversität der Stellen, aber auch die gemeinsamen Anknüpfungspunkte verschaffen. Unser Ziel ist es, zu einem regelmäßigen Austausch beizutragen.

Hierfür stehen wir bereits jetzt mit einigen Landeskoordinierungsstellen in Kontakt. Im November planen wir zudem ein erstes digitales Treffen aller Landeskoordinierungsstellen. Um tatsächlich keine der Landeskoordinierungsstellen, die zum Thema sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend arbeiten, versehentlich zu übergehen sind wir an dieser Stelle für Rückmeldungen dankbar. In welchen Bundesländern gibt es landesweit arbeitende, koordinierende Stellen, die hauptamtlich besetzt oder wenigstens teilweise durch das Land finanziert werden? Wir interessieren uns auch für Stellen, die vielleicht auch nur zum Teil zum Thema sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend arbeiten.

Rückmeldungen nimmt unsere Kollegin Tamara Luding unter luding@bundeskoordinierung.de entgegen.

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Schnellere Bearbeitungszeiten beim Fonds Sexueller Missbrauch

Gute Nachrichten vom Fonds Sexueller Missbrauch (FSM): für viele Betroffene waren die langen Bearbeitungszeiten und die schlechte Erreichbarkeit eine enorme Belastung. Dies hat sich nun als Resultat intensiver Bemühungen deutlich verbessert. Der große Rückstand ist abgebaut, im Regelbetrieb dauert die Bearbeitung nun drei bis vier Monate. Alte Fälle im Bearbeitungsrückstand sollen gemeldet und dann prioritär bearbeitet werden. Und auch für kooperierende Fachberatungsstellen gibt es neue Schulungen und eine Telefonsprechstunde.

Da wir uns mit dem FSM intensiv zu den Kritikpunkten auseinandergesetzt haben, freuen wir uns über die positiven Veränderungen und teilen deshalb gerne diese Nachrichten. Ausführliche Infos gibt es auf unserer Webseite.

Unterwegs in den Netzwerken

Eine wichtige Aufgabe für uns ist für viele Fragen der Fachberatungsstellen ansprechbar zu sein. Einige davon lassen sich direkt per Mail oder Telefon besprechen, andere Fragen regen uns zu intensiveren Recherchen an. Einiges erscheint uns für alle Fachberatungsstellen so wichtig, dass wir versuchen, das Thema in einer Handreichung darzustellen und allen Interessierten zur Verfügung zu stellen. Ab und zu gehen wir aber auch in Netzwerke vor Ort und diskutieren mit bzw. bringen unsere Erkenntnisse aus der bundesweiten Arbeit in die konkrete Umsetzung vor Ort ein. In den letzten Monaten haben wir z.B. beim Frauenbüros Kassel einen Vortrag gehalten, in Thüringen auf einem Fachtag zu Schutzkonzepten im Sport einen Workshop geleitet  und unsere Erkenntnisse zum im Sommer in Kraft getretenen Gesetz zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder in Fulda und Berlin in lokalen Netzwerken mit der Fachpraxis diskutiert.

Wir freuen uns sehr über diese Diskussionsmöglichkeiten und nehmen aus dem Lokalen und Regionalen jedes Mal viel mit zurück in unseren Berliner Arbeitsalltag.

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Was passiert in Politik und Gesellschaft?
Sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend im Wahlkampf

Der neue Bundestag ist gewählt. Doch obwohl in der letzten Legislaturperiode sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend gesellschaftlich  und medial so präsent war wie noch nie, blieb es ein Randthema im Wahlkampf. Ob es nun um einzelne Fallkomplexe wie Lügde, Staufen, Bergisch-Gladbach, Münster ging oder um Tatkontexte wie die Familie, die großen Kirchen, Schulen, den Sport, Erziehungsheime oder das "Kentler-Experiment": es sind so viele wichtige Erkenntnisse erarbeitet und Debatten begonnen worden. Sogar der Bundespräsident hat dazu öffentlich Position bezogen und uns besucht.

Wir haben den Wahlkampf aktiv mit einem Forderungspapier begleitet, in dem wir ein umfassendes Programm zur Bekämpfung von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend entwerfen. Über den großen Zuspruch und die Verbreitung dieser Forderungen freuen wir uns sehr. Auch bei den  Koalitionsverhandlungen werden wir uns für unser Thema stark machen.

Neue große Studie der Aufarbeitungskommission zu sexualisierter Gewalt in der Familie

Die Unabhängige Aufarbeitungskommission hat eine wichtige neue Studie zum Tatkontext Familie veröffentlicht. Dabei belegt sie noch einmal deutlich: sexualisierte Gewalt in der Familie und damit durch nahe Bezugspersonen und Angehörige ist ein weitverbreitetes Gewaltphänomen, ganz im Kontrast zum Stereotyp des „unbekannten fremden Täters“.
Für die Studie wurden die Berichte von 870 Betroffenen sowie zusätzlichen Zeitzeug*innen ausgewertet. Die besondere Rolle der Familie in der Gesellschaft prägt erheblich die Gewaltdynamik: während nach außen Normalität vorgespielt wird, schotten sich Täter*innen und andere Beteiligte ab. Anders als z.B. einen Sportverein können Kinder ihre Familien nicht verlassen und bleiben der Gewalt damit oft sehr lange ausgeliefert. Die Machtverhältnisse innerhalb der Familien erlauben den Täter*innen, die Bedürftigkeit der Kinder auszunutzen, planvoll und mit massiven Drohungen vorzugehen und die Zerstörung des Familienlebens als Druckmittel zu verwenden. Emotionale, soziale und ideologische Verstrickungen in Familien verschärfen die Ausweglosigkeit der Situation, das Nebeneinander von Gewalt und Fürsorge schafft starke Ambivalenzen.

Andere wichtige Erkenntnisse der Studie sind: die insgesamt größte Tätergruppe mit 36 % der Nennungen sind Väter. Mütter sind bei 8 % der Einträge als Täterinnen benannt. Zieht man Pflege- und Stiefeltern hinzu, machen Väter fast die Hälfte (48 %) und Mütter fast 10 % aus. Als Täter werden außerdem (Groß-/Stief-)Onkel, Brüder der Betroffenen, Großväter und andere männliche Verwandte genannt. In 48 % der Eintragungen lag das Alter der Betroffenen zu Beginn der Gewalt unter sechs Jahren. Unter den Personen, denen sich Kinder und Jugendliche anvertraut haben, waren vielfach Familienangehörige, insbesondere Mütter. Doch nur in wenigen Fällen wurde die Gewalt durch Dritte beendet.

Partner5-Jugendstudie liefert neue Zahlen zu sexualisierten Gewalterfahrungen

Wichtige Studie mit neuen Zahlen von der Hochschule Merseburg zu Grenzverletzungen und sexualisierter Gewalt bei Kindern und Jugendlichen: fast alle weiblichen und divers-geschlechtlichen und die Hälfte aller männlichen Befragten hatten Formen sexueller Belästigung erfahren. Jede vierte weibliche Jugendliche (24 Prozent) berichtete von einem Vergewaltigungsversuch, ebenso wie 39 Prozent der Jugendlichen mit diverser Geschlechtsidentität und sieben Prozent der männlichen Jugendlichen. Eine Vergewaltigung gaben 14 Prozent der jungen Frauen, 21 Prozent der diversen und drei Prozent der männlichen Jugendlichen an. Ein Viertel der männlichen und weiblichen sowie 40 Prozent der diversgeschlechtlichen Befragten erinnerte sich an einen sexualisierten Übergriff in der Kindheit. Über die Hälfte der Betroffenen hat keine professionelle Hilfe und Beratung nachgefragt. Deutlich gestiegen ist hingegen das Anzeigeverhalten. Heinz-Jürgen Voss, der die Studie durchgeführt hat, begründet die hohen Zahlen mit dem Fragedesign. So seien die Jugendlichen nicht nach einer Vergewaltigung gefragt worden, sondern danach, ob sie schon einmal zum Sex gezwungen worden waren.

Für die Partner5-Studie wurden Antworten von 861 Jugendlichen ausgewertet, dabei lag ein Schwerpunkt auf den ostdeutschen Bundesländern. Teilgenommen haben 522 weibliche Jugendliche, 297 männliche Jugendliche sowie 42 junge Menschen mit diverser Geschlechtsidentität. Diese äußerten sich auch retrospektiv über ihre Kindheitserlebnisse.

 

Außerdem
Jetzt anmelden: Bundestagung "Kinderschutz 24/7 vomKINDgedacht" von DGfPI und Kinderschutzstiftung Hänsel+Gretel

Der Titel der Bundestagung ist gleichzeitig Programm: Erst wenn Kinder und Jugendliche als Subjekte anerkannt und als „Anspruchsberechtigte“ gegenüber allen im Kinderschutz tätigen Akteur*innen und Institutionen verstanden werden, kann Kinderschutz gelingen. Das bedeutet: vomKINDgedacht zu handeln, um Kinder und Jugendliche zu schützen, zu informieren, zu beteiligen und zu stärken. Dieses Thema steht im Mittelpunkt der zweiteiligen Bundestagung von DGfPI und der Hänsel+Gretel Deutsche Kinderschutzstiftung: Am 12.11.21 gibt es eine digitale Veranstaltung, der 2022 am 29. - 30.09.22 die zweitägige Bundestagung in Präsenz in Karlsruhe folgen wird.

Ziel ist es, mit Expert*innen aus Wissenschaft und Praxis einen Prozess anzustoßen, der einer Operationalisierung von Kinderrechten im Sinne eines bestmöglichen Kinderschutzes in der Praxis dienen soll. Ausgehend von Impulsvorträgen sollen gemeinsam mit den Referent*innen, Vertreter*innen der Politik und den Teilnehmenden Kriterien für den Kinderschutz identifiziert werden, die konsequent aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen formuliert werden. Es soll ein Navigator zum Schutz von Kindern und Jugendlichen mit überprüfbaren Gelingensfaktoren entstehen.

Hier geht es zur Anmeldung.

Geschäftsführung für die DGfPI gesucht: Unsere Trägerin veröffentlicht neue Ausschreibung

Unsere Trägerin, die Deutsche Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung, -vernachlässigung und sexualisierter Gewalt e.V., sucht weiterhin eine passende Geschäftsführung. Die Ausschreibung gibt es hier, Bewerbungsschluss ist der 31.10.21. Wir hoffen auf spannende Bewerbungen und dann auf eine gute gemeinsame Arbeit! Bitte verteilen Sie die Ausschreibung oder weisen Sie in Frage kommende Kandidat*innen darauf hin.

BKSF - Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend Uhlandstraße 165/166,
10719 Berlin
Telefon: 030/88 91 68 66,
Fax: 030/88 91 68 65

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